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Familienunternehmen und die Kreislaufwirtschaft

In diesem Jahr war der sogenannte Earth Overshoot Day, also der Tag, an dem die Nachfrage nach ökologischen Ressourcen und Dienstleistungen in einem bestimmten Jahr über dem liegt, was die Erde in diesem Jahr regenerieren kann, in Deutschland bereits am 5. Mai. Wir leben deutlich über unsere Verhältnisse – und das in Anbetracht der globalen Erderwärmung, des Artensterbens und der Bedrohung überlebenswichtiger Ökosysteme. Dabei ließen sich eigentlich viele Ressourcen einsparen, würde man sie besser, öfter und länger nutzen. Die Kreislaufwirtschaft als wirtschaftliches System, in dem Energie so effizient und Materialien so lange wie möglich genutzt werden, um Abfälle und Emissionen zu reduzieren, ist ein wichtiger Schritt hin zu einer nachhaltigeren Wirtschaft. Eine neue Studie der Stiftung Familienunternehmen untersucht, welche Rolle die Kreislaufwirtschaft für Familienunternehmen spielen kann. 

Viele Produkte, die auf den Markt kommen, sind verschwenderisch: Sie verschwenden Ressourcen, die nicht regeneriert werden können, sie verschwenden Lebenszyklen, da sie nur kurz nutzbar sind, und sie verschwenden Fähigkeiten, da sie während ihrer Lebensdauer nicht ausreichend genutzt werden. Doch es gibt viele Wege, von der „Wegwerfwirtschaft“ wegzukommen. Produkte, die ihren eigentlichen Zweck nicht mehr erfüllen können, können ein zweites Leben bekommen, in neuer Funktion genutzt, repariert, in ihre Bestandteile zerlegt und weiterverwertet, intensiver genutzt oder sogar überflüssig gemacht werden, um ihre Öko-Bilanz zu verbessern. Damit bedeutet die Kreislaufwirtschaft enormes Potenzial, aber auch Herausforderungen für die Wirtschaft. Doch welche Motivation haben speziell Familienunternehmen – und welche Hindernisse müssen sie überwinden?

Chancen und Herausforderungen für Familienunternehmen

Auf Grundlage von Interviews, Diskussionsrunden und Good Practice-Beispielen identifiziert die Studie verschiedene Themenfelder, die für Familienunternehmen im Zusammenhang mit der Kreislaufwirtschaft relevant sind. Motiviert werden Familienunternehmen dementsprechend dadurch, dass sich Führungskräfte oder andere Personen im Unternehmen aktiv für Nachhaltigkeit einsetzen. Außerdem sind Familienunternehmen langfristig orientiert: sie sind also besonders an der Zukunftsfähigkeit des eigenen Geschäftsmodells interessiert und können sich eher für nachhaltige Wirtschaftsmodelle begeistern. Neben Impulsen von außen, durch andere Organisationen oder die Kundschaft sowie durch gesellschaftliche und politische Entwicklungen, sorgt auch eine mit der Kreislaufwirtschaft einhergehende Kostensenkung für den notwendigen Antrieb. Dabei sehen Familienunternehmen das größte Potenzial in der erhöhten Nachhaltigkeit ihres Betriebes sowie in der Alleinstellung im Markt. Außerdem lassen sich Rohstoffabhängigkeiten reduzieren und durch Innovation neue Geschäftsfelder gewinnen. 

Gehemmt wird die Kreislaufwirtschaft der Studie zufolge durch bürokratische und regulatorische Hürden, und durch die teilweise mangelnde Akzeptanz von Materialien wie Recyclat durch Kundinnen und Kunden. Dahinter steht zum einen die Sorge vor geringerer Qualität, zum anderen die mangelnde Bereitschaft, einen höheren Preis für ein ökologischeres Produkt zu bezahlen. Wenn die Kundschaft die höheren Kosten also nicht tragen möchte, müssen die Unternehmen ordentlich investieren – das kann die Attraktivität von Kreislaufprodukten aus unternehmerischer Sicht mindern. Auch die Aversion der Mitarbeitenden gegenüber großen Veränderungen kann die Transformation hin zur Kreislaufwirtschaft ausbremsen. Darüber hinaus ergeben sich auch praktische Herausforderungen: Nicht alle Materialien lassen sich problemlos wiederverarbeiten (oder Unternehmen sind darüber nicht ausreichend gut informiert), internationale Lieferketten verkomplizieren die Prozesse der Kreislaufwirtschaft oder die notwendige (grüne) Infrastruktur fehlt (z.B. sind die Strompreise in Deutschland zu hoch). 

Was braucht es für den Wandel?

Die Erkenntnisse der Studie liefern aber auch Impulse, wie sich der Umstieg auf die Kreislaufwirtschaft für Familienunternehmen einfacher gestalten ließe. Auf Unternehmensebene sollte das Thema Circular Economy verinnerlicht werden und in jede Entscheidung über Produkte einfließen. Dafür braucht es auch einen kulturellen Wandel unter Mitarbeitenden, die, angeleitet durch eine überzeugende Unternehmensspitze, aktiv mitgestalten sollten. Außerdem geht die Kreislaufwirtschaft Hand in Hand mit der Digitalisierung. Letztere erleichtert die Umstellung von Produktionsprozessen oder macht diese überhaupt erst möglich – digitale Kompetenzen sind also ein Muss. Auf politischer Ebene wünschen sich die Familienunternehmerinnen und -unternehmer einfachere gesetzliche Rahmenbedingungen, finanzielle Anreize für die Umstellung sowie Möglichkeiten für den wissenschaftlich fundierten Austausch. Auch unterstützende Werkzeuge wie etwa staatliche Zertifizierungen erachten sie als sehr sinnvoll. Letztere können schließlich auch dabei helfen, Bedenken der Kundinnen und Kunden aus dem Weg zu räumen.

Insgesamt ergeben sich dadurch einige Voraussetzungen für die Etablierung der Kreislaufwirtschaft in Familienunternehmen. Neben attraktiven politischen Rahmenbedingungen und der Verfügbarkeit von kreislauffähigen Ressourcen beziehen sich diese Voraussetzungen insbesondere auf das Unternehmen selbst. Im Familienunternehmen muss Verantwortung für das Thema übernommen werden und eine positive Mentalität mit Blick auf nachhaltiges Wirtschaften herrschen. Außerdem spielen, wie so oft mit Blick auf wichtige Veränderungen, Weiterbildung und Innovationsfähigkeit eine wichtige Rolle. Mitarbeitende müssen befähigt werden, kreislauffähige Produkte zu entwickeln und in ihrem Lebenszyklus zu betreuen, und dabei in der Lage sein, innovativ an Zukunftslösungen zu arbeiten. 

Ein Pionier aus der Welt der Familienunternehmen ist übrigens Werner & Mertz. Das über 150 Jahre alte Familienunternehmen aus Mainz, bekannt für Marken wie Frosch oder Erdal, verarbeitet bereits seit Jahren recycelte Materialien. Seit 2015 wird für die Frosch-PET-Flaschen konsequent kein neues Plastik mehr verwendet, stattdessen werden alte Flaschen wiederverarbeitet und PET-Recyclat für die Produktion verwendet. Bis 2025 sollen sogar alle Verpackungen aus 100% Kunststoff-Abfällen hergestellt werden – ein Familienunternehmen als Vorreiter der Kreislaufwirtschaft.

Hier gibt es die Studie „Circular Economy in Familienunternehmen“ der Stiftung Familienunternehmen zum kostenlosen Download. 

Geschrieben von Mara Bartling, Autorin bei Haus Next Insights

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