Haus Next

Mit Brief und Siegel: Die Familienverfassung

„Eine Familie in Frieden ist das Beste, was es für eine Firma geben kann, eine Familie in Unfrieden das Schlimmste“ – so Peter Zinkann, langjähriger geschäftsführender Gesellschafter von Miele. Anders als andere Unternehmen haben Familienunternehmen nämlich nicht nur das übergeordnete Ziel, wirtschaftlich erfolgreich zu sein, sondern auch, den Verbleib des Unternehmens in der Familie zu sichern. Treffen allerdings die Systeme Familie und Unternehmen aufeinander, kann es auch zu erheblichen Konflikten kommen: was aus unternehmerischer Sicht sinnvoll ist, kann der Familie schaden, und was Familienmitglieder im Unternehmen durchsetzen wollen, kann dieses mitunter schwächen. Genau aus diesem Grund sollten sich Unternehmerfamilien schon vorher damit auseinandersetzen, wie zwischen unterschiedlichen Interessen abgewogen wird und so Geschäft und familiärer Zusammenhalt gesichert wird. Hier kommt eine Familienverfassung ins Spiel.

Die Familienverfassung stellt, per Definition der EQUA-Stiftung, „die familiensubjektiven, normativen und (moralisch) verbindlichen Grundsätze für die Familienmitglieder dar, die ihr Denken und Handeln leiten und bestimmen“. Als von den Familienmitgliedern gemeinsam erarbeitetes Schriftwerk verfolgt sie zum einen das Ziel, die Unternehmerfamilie stärker zu integrieren, und zum anderen, ihre Interaktionen durch Regelungen und Konfliktbewältigungsmaßnahmen zu ordnen. Die Familienverfassung bildet dabei den Abschluss des Familienstrategieprozesses, im Rahmen dessen die Familie ein langfristiges Zukunftsbild entwickelt. Dies bedeutet, sich auf Werte und Ziele zu einigen, Rollen für Familienmitglieder zu definieren, Vertrauen aufzubauen und die Unternehmerfamilie so handlungsfähiger zu machen. Dabei ist der Weg das Ziel: bereits die intensive gemeinsame Erarbeitung der Familienverfassung stärkt die Einigkeit über das Selbstverständnis der Familie. 

Wie läuft so ein Familienstrategieprozess ab?

Individuell ist jeder Familienstrategieprozess an die Bedürfnisse der Familie angepasst; einige wichtige Themen sollten aber immer Bestandteil der gemeinsamen Überlegungen sein. Die Beteiligten sollten sich darüber im Klaren sein, wie sie zum Unternehmen stehen, wer zur Familie gehört und welche Werte die Grundlage für familiäres und unternehmerisches Leben bilden. Außerdem sollte auf jedes Familienmitglied eingegangen werden, ob Gesellschafter/in oder nicht: Welche Rolle hat dieses Familienmitglied, wie trägt es zur Unternehmerfamilie und gegebenenfalls zum Familienunternehmen bei? Darüber hinaus gilt es, Gremien zur Entscheidungsfindung aufzubauen, und Kommunikationsstrategien und Strategien für Krisensituationen festzulegen. Außerdem befasst sich die Unternehmerfamilie im Rahmen der Familienstrategie mit Vermögenspolitik (z.B.: Wie und wann werden Gewinne ausgeschüttet?), Kompetenzaufbau (z.B.: Wie bilden sich Gesellschafterinnen und Gesellschafter weiter?) sowie mit prozeduralen Regeln (z.B.: Was passiert, wenn die Regeln der Familienverfassung gebrochen werden?). 

Zu diesem Zweck ist es keine schlechte Idee, sich unabhängige Unterstützung von außen zu holen. Externe Expertise kann Klarheit über juristische Fragen schaffen, aber auch im Coaching bei den Treffen der Familie einen professionellen Prozess sicherstellen. Wichtig ist, dass alle Familienmitglieder eingebunden werden, die zu Beginn als Familie definiert wurden – in der Gruppe sowie in Einzelgesprächen. So wie eine staatliche Verfassung ist auch die Familienverfassung das Ergebnis eines demokratischen Prozesses. Und so wie Gesetze sich an wandelnde Umstände anpassen müssen, so muss auch eine Familienverfassung in einem vorher festgelegten Rahmen regelmäßig auf ihre Anwendbarkeit geprüft werden. Eine Familienverfassung muss im Gegensatz zum Gesellschaftervertrag nicht rechtlich bindend sein – dennoch sollte sie als Ergebnis meist emotionaler und intensiver Verhandlungen und Abwägungen von den Beteiligten sehr ernst genommen werden. Denn der Familienstrategieprozess sollte auch als Anlass genommen werden, Transparenz herzustellen und aufgestaute Probleme gemeinsam zu bewältigen. 

Warum braucht es eine Familienverfassung?

Das klingt nach viel Aufwand? Ja, eine Familienverfassung erfordert Zeit und kann auch kostspielig sein. Wenn der Strategieprozess nur halbherzig durchgeführt wird, steht die Unternehmerfamilie im schlimmsten Fall am Ende mit einem Dokument voller gut klingender, aber faktisch unrealistischer Grundsätze da. Aber die Erfahrungen von Familienunternehmen wie Faber-Castell, Kirchhoff oder Löwensenf zeigen, dass sich der Aufwand lohnt. Insbesondere bei der Übergabe von einer Generation in die nächste zeigt sich häufig, dass Vieles nicht geklärt ist, zum Beispiel welche formalen Rollen Familienmitglieder einnehmen, die nicht operativ oder als Gesellschafterinnen und Gesellschafter tätig sind, wie in der Öffentlichkeit über Familie und Unternehmen gesprochen wird oder auch ob und in welchem Ausmaß familienexterne Manager Verantwortung erhalten sollen. Eine Familienverfassung verschafft Klarheit, Sicherheit und professionalisiert die Unternehmerfamilie. Außerdem schützt sie ihren wichtigsten Kern: die Harmonie innerhalb der Familie.  

Mehr über die Rolle der Familienverfassung bei Faber-Castell erfahrt ihr in diesem Handelsblatt-Artikel.

Geschrieben von Mara Bartling, Autorin bei Haus Next Insights

Das könnte dich auch interessieren.