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Psychology Insights – Nudging

Willkommen zu unserer Miniserie „Psychology Insights: Entscheidungen“. Wir geben Euch einen kompakten und spannenden Überblick aus der Entscheidungspsychologie und Forschung, sowie die ein oder anderen Praxisbezüge.

Über nur sechs Generationen hinweg entwickelte sich B. Braun zu einem der weltweit führenden Pharma- und Medizintechnikhersteller. Begonnen hat die Erfolgsgeschichte im Juni 1839 mit dem Kauf der Rosen-Apotheke im hessischen Melsungen durch Julius Wilhelm Braun. Der damals 31-jährige weitete sein Geschäftsfeld bald mit einem Versandhandel für Heilkräuter aus. Sein Sohn Bernhard Braun begann mit der Produktion von Pflastern und Migränestiften, woraus 1867 ein eigenständiges Unternehmen entstand, das unter seinem Namen B. Braun ins Handelsregister eingetragen wurde. Seither wurde das Familienunternehmen über die Generationen hinweg erweitert. 1971 schließlich wurde B. Braun in eine Aktiengesellschaft umgewandelt und befindet sich seit 2019 mit Anna Maria Braun als Vorstandsvorsitzende in der 6. Generation in der Hand der Familie Braun. 

Doch B. Braun ist nicht nur Vorreiter in Sachen Pharma- und Medizintechnik, sondern auch in Sachen New Work. Mit Hilfe von agilen Arbeitsformen und Design-Thinking-Ansätzen steigert das Unternehmen die Arbeitseffizienz seiner Mitarbeiter. Am Beispiel von Meetings lässt sich ihr neues Konzept gut erkennen: Statt dem üblichen Ablauf – ein Kollege spricht und präsentiert per PowerPoint während sich andere hinter ihren eigenen Laptops verstecken – drängen sich jetzt die Teilnehmer um Pinnwände, schauen sich in die Augen, diskutieren und es ist Energie und Dynamik zu spüren. Vorher gab es zu viele und zu häufige Meetings, durch die neuen Maßnahmen konnte die Dauer der Meetings um 50 Prozent reduziert werden. Stühle, Tische und Beamer wurden abgeschafft und stattdessen eine Stoppuhr eingeführt, die jedem Redner maximal 20 Minuten zuspricht. Außerdem wurden „Walking-Meetings“ eingeführt, bei denen verschiedene vordefinierte Routen von unterschiedlicher Gehdauer zur Auswahl stehen. Die Teilnehmer – bewährt hat sich eine Zahl von zwei bis drei Personen – laufen dann diskutierend 30 oder 60 Minuten durch den Park oder um einen kleinen See. Diese ganzen Maßnahmen – Walking Tours statt Besprechungsräume, Stoppuhr statt endloser Redebeiträge – nennen sich „Nudging“ und haben auch einen wissenschaftlich erwiesenen Hintergrund. 

Was ist Nudging?

Nudging bedeutet auf Deutsch anstupsen oder anschieben. Die Idee hinter Nudging ist, dass das Verhalten von Menschen ohne Regeln oder Verbote in eine bestimmte Richtung gelenkt wird, indem man eine vermeintlich bessere Alternative attraktiver macht. Der Begriff kommt ursprünglich aus der Verhaltensökonomie. Eingeführt wurde der Begriff 2008 von den US-Professoren Richard Thaler und Cass Sunstein in ihrem Buch „Nudge. Wie man kluge Entscheidungen anstößt“. Für die Erkenntnis, dass kleine Veränderungen des Umfelds große Auswirkungen auf das unbewusste Denken und dadurch auf das Verhalten von Menschen haben können, wurde Thaler 2017 auch mit dem Wirtschaftsnobelpreis ausgezeichnet. Die Erfinder des Konzepts sprechen auch von libertärem Paternalismus – so etwas wie freiheitlicher Bevormundung. 

Doch auch andere Studien haben ein solches Phänomen nachweisen können: Beispielsweise die Studie „Cues of being watched“ von Bateson und Kollegen (2006). Bei ihrem Feldexperiment wurde zehn Wochen lang jede Woche ein anderes Poster in einem Kaffeeraum in einer Uni aufgehängt, in dem man Kaffee und Tee für einen freiwilligen Geldbetrag erhalten konnte. Dabei wurde herausgefunden, dass dreimal mehr Geld einbezahlt wurde, wenn Poster aufgehängt wurden, die Augen statt Blumen zeigten. 

Im ersten Moment klingt das Prinzip positiv – es ist eine gewaltfreie Herangehensweise, bei denen die Menschen immer noch selbst eine Entscheidung treffen können und nicht völlig entmündigt werden. Aber es kommt darauf an, wer Nudging für was benutzt, denn Nudging kann auch eine Form der Manipulation sein. Um dies zu vermeiden, sollte den Betroffenen stets bewusst sein, dass sie gerade beeinflusst werden, damit sie weiterhin frei entscheiden können. Gerade in der Politik ist Nudging ein umstrittenes Thema – darf der Staat die Bürger in die richtige Richtung stupsen? Wer entscheidet dabei, was richtig ist?

Was können Next Gens daraus lernen?

B. Braun ist nur ein positives Beispiel, wie Nudging in Unternehmen effizient eingesetzt werden kann. Siemens nutzt Nudging, um die Fertigungsqualität positiv zu beeinflussen, so hat sich die Qualität einzelner Prozessschritte bei der Produktion von Turbinenschaufeln um 50 Prozent verbessert. Bosch setzt Nudging für objektivere Entscheidungen bei Stellenbesetzungen ein. Nudging kann also in den verschiedensten Bereichen einer Firma positive Auswirkungen haben, und ist somit auch für Next Gens interessant, um als nächste Generation neue Wege für die Sicherstellung der Zukunftsfähigkeit des Unternehmens zu finden. 

Geschrieben von Viviane Rückner, Autorin bei Haus Next Insights

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