Haus Next

Reden ist Gold: Generationsübergreifende Kommunikation im Nachfolgeprozess

Hey nächste Generation, hast du mal drei Minuten? Wir bereiten Erkenntnisse aus der Forschung zu Familienunternehmen für dich auf – in nur drei Minuten Lesezeit.

Leiß & Zehrer: „Intergenerational communication in family firm succession”

Tradition oder Innovation, gemeinsam oder unabhängig? Im Nachfolgeprozess müssen sich Unternehmerfamilie der Herausforderung stellen, eine gesunde Balance zu finden, wenn es darum geht, der Next Gen Gestaltungsfreiräume einzugestehen, ohne dabei Unterstützung zu verwehren oder Bewährtes zu gefährden. Hinzu kommt, dass sich die Bedürfnisse der aus- sowie der eintretenden Generation über den Nachfolgeprozess hinweg auch weiterentwickeln. Also muss miteinander gesprochen werden – aber wie? In ihrer Studie gehen Leiß und Zehrer der Frage auf den Grund, wie sich die Kommunikation zwischen der älteren und der neuen Generation im Nachfolgeprozess auf Familie und Unternehmen auswirkt. Dafür sprechen sie mit Vertreterinnen und Vertretern beider Generationen aus zehn familiengeführten Unternehmen und erstellen eine Typologie von Kommunikationsmustern. 

Was hat Kommunikation mit Nachfolge zu tun?

Wenn in der Unternehmerfamilie kommuniziert wird, werden Ideen besprochen, es wird Feedback gegeben und durch generationsübergreifendes Lernen entsteht ein gemeinsames Verständnis des Familienunternehmens. Die Kommunikation über die Nachfolge hat dabei vier Dimensionen: eine zeitliche, eine persönliche, eine institutionelle und eine gesellschaftliche Dimension. Zeit ist relevant, da ein komplexer Wandel wie die Nachfolge Planung erfordert, in etwa 5-15 Jahre dauert ein solcher Prozess. Auf persönlicher Ebene spielt das Alter und die damit verbundene Abwägung zwischen Innovationsfähigkeit und Erfahrung eine Rolle. Außerdem ist die emotionale Einstellung beider Generationen gegenüber der Nachfolge ein wichtiger Faktor. Die institutionelle Dimension betrifft die Positionierung des Familienunternehmens in der Gesellschaft: es gilt, Ruf, Glaubwürdigkeit und Integrität zu bewahren, gleichzeitig helfen externe Netzwerke, Kontakte, Ressourcen und Wissen zugänglich zu machen. Auch gesamtgesellschaftliche Prozesse schlagen sich im Nachfolgeprozess nieder: durch Globalisierung und Internationalisierung verändert sich nicht nur die Flexibilität von Arbeit, sondern diese Prozesse bedeuten auch schnellen Wandel und größere Unsicherheiten in der Geschäftswelt. 

Welche Typen von Kommunikation werden identifiziert?

Auf Basis der qualitativen Daten identifizieren die Wissenschaftlerinnen vier Typen von Kommunikationsmustern, die sie jeweils auf dem Spektrum von Kontinuität vs. Wandel und Autonomie vs. Verbundenheit verorten lassen. Als autoritären Schutz bezeichnen sie einen Umgang, der durch patriarchische Strukturen charakterisiert ist. Die Next Gen sammelt außerhalb des Familienunternehmens wichtige Arbeitserfahrungen, und bei ihrer Rückkehr ist das Hauptinteresse des Vaters, bestehende Strukturen und Werte in Familie und Unternehmen zu erhalten. Er ist derjenige, der im Nachfolgeprozess die Entscheidungen trifft. Dieses Kommunikationsmuster zeugt von Kontinuität und Verbundenheit. Von ambivalenter Verstrickung hingegen ist die Rede, wenn meist kein Plan für die Nachfolge entworfen wurde und sich die Phase der Kohabitation bis zum Eintritt einer Krise (Tod oder Krankheit des Vorgängers) in die Länge zieht. Es fehlen Grenzen zwischen Familie und Unternehmen sowie Möglichkeiten zu Verhandlungen. Der Nachfolgeprozess steckt fest: es gibt (fast) keine Innovation (Kontinuität) und die Integration der nächsten Generation ist problematisch (Autonomie). Bei der unabhängigen Neuorientierung hingegen tritt die ältere Generation unmittelbar nach Einleiten des Nachfolgeprozess aus ihrer Position zurück. Dadurch erhält die Nachfolgerin oder der Nachfolger zwar viel Spielraum für eigene Initiativen, aber durch die strikte Trennung von Familie und Unternehmen kann es zu mangelhaftem Wissenstransfer kommen. Außerdem riskiert die ältere Generation, perspektivlos ihre Rolle aufzugeben (Autonomie und Wandel). Die koevolutionäre Entwicklung schließlich bezeichnet eine enge Zusammenarbeit zwischen Eltern, die als Vorbilder fungieren, und Kindern, die im Unternehmen sozialisiert werden. Es wird viel kommuniziert und der Umgang ist von Wertschätzung und Anerkennung geprägt. Die Familie ist eine „stabilisierendes“ Element in Zeiten des schnellen Wandels (Verbundenheit und Wandel).

Wie sieht eine ideale Nachfolge aus?

Obwohl alle interviewten Familienunternehmer insgesamt mit der Nachfolge zufrieden sind, geben sie an, dass einige Prozesse weniger gut liefen und Beziehungen belastet wurden. Die Wissenschaftlerinnen stellen fest, dass sich Kommunikationsmuster im Idealfall je nach Phase der Nachfolge verändern. Dementsprechend ist die erste Phase, die generationsübergreifende Übertragung des Erbes Familienunternehmen, durch enge Zusammenarbeit gekennzeichnet, durch die Werte und Wissen internalisiert werden und Vorstellungen über das Unternehmen geteilt werden können (Verbundenheit und Kontinuität). Im nächsten Schritt, der unabhängigen Übernahme des Erbes, setzt sich die Next Gen mit dem soziokulturellen Erbe der älteren Generationen auseinander. Dafür ist es wichtig, außerhalb des Familienunternehmens Erfahrungen zu sammeln (Autonomie und Wandel). Schließlich ist die Familie bereit für den materiellen Transfer: Während der interdependenten Entwicklung des Erbes Familienunternehmen, werden Tätigkeiten synchronisiert und ein gemeinsames Ziel durch enge Kommunikation entwickelt (Verbundenheit und Wandel). 

Was bedeutet das für mich?

Für dich als Next Gen bedeutet die Studie Einsicht in das Kommunikationsverhalten der zwei Generationen im Familienunternehmen – und welche Auswirkungen dieses sowohl auf die Entwicklung der Next Gen, als auch auf die Ausrichtung des Familienunternehmens hat. Kommunikation schafft gemeinsames Verständnis, sie steckt aber auch Grenzen zur eigenen Entfaltung ab. Im Laufe der Nachfolge entwickelt sie sich weiter: So ist es zu Beginn wichtiger, angeleitet zu werden und sich auf Tradition zu berufen, während Eigenständigkeit und Innovation zur Orientierung helfen, bevor in engerer Absprache neue Ideen im Unternehmen umgesetzt werden können. Next Gens können und sollten diese Bedürfnisse im Interesse der gesamten Familie besprechen und Veränderungen in der Kommunikation als positiven Verlauf akzeptieren. Schließlich lässt sich ja über alles reden. 


Kurz & knapp

Wie wirkt sich generationsübergreifende Kommunikation im Nachfolgeprozess auf Familie und Unternehmen aus?

  1. Familienunternehmen sehen sich gegensätzlichen Dynamiken ausgesetzt, die sie kommunikativ bewältigen: Kontinuität vs. Wandel, Autonomie vs. Verbundenheit
  2. Es gibt vier Kommunikationstypen: autoritärer Schutz, ambivalente Verstrickung, unabhängige Neuausrichtung und koevolutionäre Entwicklung
  3. Im Idealfall werden drei Phasen durchlaufen, die unterschiedliche Kommunikationsmuster bedienen: Übertragung, Übernahme und interdependente Entwicklung
Geschrieben von Mara Bartling, Autorin bei Haus Next Insights

 

Das könnte dich auch interessieren.