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Haus Topic mit Dr. Anne Heider

In unserer Haus Topic sprechen Experten und Expertinnen zu ausgewählten Themen, die für uns Next Gens relevant und spannend für unsere Rollenfindung sind. Bei der letzten Haus Topic sprachen wir mit Dr. Anne Heider über die Gesellschafterrolle im Familienunternehmen.

Dr. Anne Heider ist Co-Direktorin des Wittener Institut für Familienunternehmen und beschäftigt sich in der Forschung vor allem mit der Innovationsfähigkeit von Familienunternehmen, Digitalisierungsstrategien und der Organisationsentwicklung. Das Besondere an ihrer Arbeit ist die Möglichkeit, praxisnah und direkt mit Unternehmerfamilien zusammenarbeiten zu können. Dies ermöglicht ihr interne Perspektiven zu den Themen Gesellschafterkompetenz und Gesellschafterkompetenzentwicklung und wie diese im Kontext zu Unternehmerfamilien stehen.

In ihrem Impulsvortrag ging Dr. Anne Heider auf drei zentrale Punkte ein: (1) Status quo der Gesellschafterkompetenz, (2) Bedeutung von Gesellschafterkompetenz und deren Entwicklung sowie (3) wie bauen wir diese auf, wie handeln und leiten wir sie ein?

Die Gesellschafterkompetenz

“Um in Deutschland einen Fisch zu fangen brauche ich einen Anglerschein. Um Gesellschafter zu werden und über das Schicksal von zig Tausend Mitarbeitern/innen entscheiden zu können, muss ich nur den Tod des Seniors abwarten.” 

Dr. Anne Heider

Mit diesem Zitat adressiert Dr. Anne Heider eine Kernkomponente der Gesellschafterrolle: Entscheidend sei die intrinsische Motivation, ein Unternehmen leiten zu wollen. Alle weiteren Kompetenzen könnten auf dem Weg mit an die Hand gegeben werden und durch Coaching erreicht werden, so Dr. Anne Heider. Viele Unternehmerfamilien haben erkannt, dass der Erwerb von Kompetenzen entscheidend für eine erfolgreiche Zukunft ist – an der Umsetzung scheitert es oft noch. Oft stellen dabei besonders eine strukturierte Prozessplanung und strategische Initiierung das größte Hindernis dar. Laut einer Studie stimmen 75% der befragten Unternehmerfamilien zu, dass Gesellschafterkompetenz ein relevanter Inhalt einer Family Governance ist.

Unter Gesellschafterkompetenz versteht man laut Definition sämtliche Fähigkeiten und Fertigkeiten von aktuellen und potenziellen Gesellschaftern eines Familienunternehmens zur erfolgreichen Ausübung ihrer Eigentümerfunktion und ihrer Rechte und Pflichten innerhalb der Gesellschafterfamilie.

Die Bedeutung der Gesellschafterkompetenz

Dr. Anne Heider stellt fest, dass zunehmend jüngere Familienmitglieder die Gesellschafterrolle einnehmen und in immer weniger Fällen eine operative Rolle der Next Gens angesteuert wird. Die Folge dessen ist eindeutig: Die unternehmerische Rolle fällt immer öfter auf externes Management, während die Eigentümerfamilie sich stärker auf die Kontrollfunktion fokussiert. Währenddessen wird mit dem Generationenübergang der Gesellschafterkreis stetig wachsen, was die Bedeutung einer Familienstrategie betont. Ein Baustein dieser Family Governance sollte die Gesellschafterkompetenz sein: Welche Fähigkeiten sollten die Next Gens, die in die Gesellschafterrolle eintreten, mitbringen und entwickeln?

Der Trend geht zur aktiven Eigentümerfamilie: Eine weit verzweigte Unternehmerfamilie, die die Kontrollfunktion des Familienunternehmens einnimmt und das Management extern vergibt. Damit werden auch Managementkompetenzen in dieser Funktion weniger relevant und die Gesellschafterkompetenz nimmt diese Rolle ein. Diese Entwicklung reagiert auf die Erkenntnis, dass die Familienmitglieder sich frei und ungezwungen entwickeln können und man durch Kompetenzmaßnahmen dafür sorgt, dass sie professionell auf mögliche Aufgaben vorbereitet sind. Das Wichtigste ist, dass man sich als Unternehmerfamilie über dieses Thema unterhält und bereits frühzeitig die relevanten Maßnahmen dafür in die Wege leitet. Next Gens sollten auf zukünftige Aufgaben professionell vorbereitet werden. In vielen Fällen ist dabei die Studienwahl eher zweitrangig; dafür die Motivation, das Unternehmen zu lenken und die Zukunftsfähigkeit der Unternehmerfamilie mitgestalten zu wollen, entscheidend.

Zu den konkreten Aufgaben der Gesellschafter gehören die Planung der Zukunft des Unternehmens, die Formulierung von langfristigen Zielen sowie die strategische Beratung und Kontrolle des Managements.

Die Entwicklung der Gesellschafterkompetenz

Das Kernthema unserer Haus Topic war, wie sich eine solche Gesellschafterkompetenz aufbauen und entwickeln lässt. Als Ausgangspunkt dient dafür eine Formulierung einer Familienstrategie – eine Festlegung von Regeln, Handlungsmaximen und Vorgehensweisen, die für alle Mitglieder gilt. Ein Teil dessen ist die Gesellschafterkompetenz und deren kontinuierliche Kompetenzentwicklung innerhalb der Unternehmerfamilie sollte stets im Mittelpunkt stehen. Der Entwicklungsprozess einer Familienstrategie umfasst insgesamt 12 Stufen, wobei die elfte Stufe den Aufbau der Gesellschafterkompetenz darstellt. Dabei benötigt der Prozess der Entwicklung einer Familienstrategie vor allem Zeit. Im Wort Prozess wird schon angedeutet, dass eine Familienstrategie nichts ist, das von heute auf morgen funktioniert, sondern sich entwickelt.

Wichtig ist, dass es nicht das eine Set an Fähigkeiten gibt, um die Gesellschafterrolle optimal aufzufüllen. Vielmehr kommt es auf die individuellen Anforderungen des Unternehmens an; das kann beispielsweise die Voraussetzung sein, mindestens fünf Jahre an Berufserfahrung in externen Unternehmen gesammelt zu haben. Mittlerweile schaffen viele Unternehmensführungen die Möglichkeit, Next Gens als angehende Gesellschafter das Programm selbst entwickeln zu können.

Die Entwicklung von Gesellschafterkompetenz leitet sich aus den fünf zentralen Anforderungen zusammen, die man als Next Gen in der Gesellschafterrolle mitbringen sollte:

  1. Persönliche Bindung zum Familienunternehmen
  2. Menschenkenntnis
  3. Verständnis für die Unternehmensstrategie
  4. Verständnis für die Rolle eines/r Familiengesellschafters/in
  5. Kommunikationskompetenzen

Frau Dr. Heider sprach auch von einem Führerschein-Modell: Je mehr Verantwortung ein Gesellschafter tragen will, umso stärker ausgeprägt und entwickelt sollten die Kompetenzen sein. Das beginnt mit der Gesellschafterrolle, geht über die Mitgliedschaft in Gremien bis hin zum Vorsitz eines Gremiums.

Was heißt das für mich als Next Gen?

Der Trend geht stark in die Richtung, dass immer weniger Next Gens eine operative Rolle im Familienunternehmen einnehmen. Deshalb ist die Gesellschafterrolle eine interessante Option, da das persönliche Band und der Einfluss der Familie auf das Unternehmen nach wie vor erhalten bleiben und die Familienwerte die Strategie weiterhin maßgeblich planen und beeinflussen. In der Gesellschafterrolle bleibt außerdem genug Platz für die eigene Selbstverwirklichung, während dies der Identität als Mitglied einer Unternehmerfamilie nicht schadet. Basierend auf der Verantwortung, die man als Gesellschafter/in trägt, sollte man auch dementsprechend ausgebildet sein und die notwendigen Fähigkeiten mitbringen, um diese Rolle ausfüllen zu können. Dafür müssen die individuellen Anforderungen konkret definiert werden und im Rahmen einer Family Governance festgelegt werden. Durch gezieltes Coaching können dann die notwendigen Fähigkeiten erworben und kontinuierlich weiterentwickelt werden.

Wir danken Dr. Anne Heider für ihren spannenden Vortrag und die Antworten auf die Fragen unserer Haus Next Community. Wir freuen uns schon sehr auf die nächste Haus Topic mit Dr. Christian Klaiber, der uns mehr über das Thema Family Office erzählen wird. Hier könnt ihr euch anmelden.

Bleibt gespannt!

Geschrieben von Robert Schacherbauer, Autor bei Haus Next Insights

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