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Psychology Insights – Emotional Messiness

Willkommen zu unserer Miniserie „Psychology Insights“, in der wir euch spannende psychologische Einblicke rund um das Thema Leadership und Management geben.

Die Übergabe der familiengeführten Bäckerei war nur noch eine Frage der Zeit, nachdem der Vater verkündet hatte, dass er in fünf Jahren in Rente gehen würde. Noch hatte er aber nicht gesagt, wie die Übergabe an die dritte Generation ablaufen sollte. Eine Tochter arbeitete nicht im Unternehmen und kündigte bereits an, dass sie kein Interesse an einer Übernahme hat. Seine zweite Tochter hingegen ist Konditorin und hat dem Vater deutlich gezeigt, dass sie das Familienunternehmen übernehmen möchte. Durch innovative Ideen und ihrer Teilnahme an Süßwarenkursen für Fortgeschrittene möchte sie das Unternehmen weiterbringen. Ihr Vater schlägt ihr Trainingsprogramme speziell für Next Gens vor – ein deutliches Zeichen findet die Tochter. Sie nimmt schließlich an einem der Programme teil. Als ihr Vater sie zu einer Sitzung begleitet und erklärt, dass er sich freut, dass sie sich weiterbildet und damit ihren Ehemann, an den er das Familienunternehmen übergeben möchte, besser unterstützen kann als ihre Mutter ihn unterstützen konnte, fällt sie aus allen Wolken. Die Tochter fühlt sich von ihrem Ehemann und vor allem von ihrem Vater hintergangen und verletzt. Die Situation endet in emotionaler Unordnung – „emotional messiness“.

Dass Familienunternehmen mit vielen Emotionen einhergehen ist wohl jedem Next Gen aus eigener Erfahrung heraus bekannt. Ethel Brundin und Pramodita Sharma haben sich mit genau diesem Thema – Emotionen in Familienunternehmen – in ihrem Paper „Love, Hate and Desire: The Role of Emotional Messiness in the Business Family“ genauer auseinandergesetzt. Emotional messiness ergibt sich, wenn es zu einer emotionalen Situation oder einem Problem im Familienunternehmen kommt. Hybride Identitäten, psychologisches Eigentum und psychologische Verträge sind die drei Bausteine, die zu emotional messiness beitragen – emotional messiness kann positive und negative Folgen haben. 

Um dieses Konzept und dessen Relevanz für Familienunternehmen genauer zu verstehen, wenden wir uns erst einmal den drei Bausteinen zu.

Hybride Identitäten

Familienunternehmen stellen ein besonderes Konstrukt dar, da sie familiäre und unternehmerische Werte zugleich repräsentieren. Mitglieder dieser Organisationen vereinen damit auch Identitäten, die eigentlich unvereinbar scheinen – schließlich ist „Familie“ mit einem normativen Wertesystem, Traditionen und Altruismus verbunden und die unternehmerische Identität mit einem utilitaristischen System, dessen Ziele Gewinnmaximierung und Eigeninteresse sind.  Konkurrierende Identitätserwartungen können zu widersprüchlichen Emotionen führen und das Engagement gegenüber dem Familienunternehmen gefährden. Die Identifikation mit dem eigenen Unternehmen und der spezifischen Organisationsform ist dabei ein fortlaufender Prozess. Sharma und Irving unterscheiden dabei zwischen vier Verpflichtungstypen: affektiven, normativen, berechnenden und zwingenden. 

  • Bei einem affektiven Verpflichtungsgefühl, entscheiden Next Gens aus einem inneren emotionalen Engagement heraus und identifizieren sich damit stark mit dem Familienunternehmen.
  • Bei einem normativen Engagement überwiegt das Gefühl, dass es eine Verpflichtung ist, dass Unternehmen zu übernehmen – was nicht zwangsläufig mit einer negativen Einstellung verbunden sein muss.
  • Eine berechnende Entscheidung beruht auf einer bewussten Abwägung, dass zu viel verloren gehen würde, wenn man als Next Gen das Familienunternehmen nicht übernehmen würde. 
  • Eine zwingende Verpflichtung liegt vor, wenn die Übernahme aus dem Gedanken heraus, dass man es in keinem anderen Geschäft schaffen würde, entschieden wird.

Brundin und Sharma argumentieren, dass der Wille in der Organisation zu bleiben und das Engagement für den Fortbestand des Familienunternehmens zu widersprüchlichen Emotionen führen, wenn sich das Familienmitglied dazu gezwungen fühlt, das Unternehmen zu übernehmen. 

Die verschiedenen Verpflichtungstypen sind dabei auch mit Emotionen verbunden und gerade in Familienunternehmen, in denen Beziehungen generell einen emotionaleren Charakter aufweisen, ist es wahrscheinlicher, dass emotional messiness auftritt. 

Psychologisches Eigentum

Die starke Verbindung zwischen Familienunternehmen und Identität führt dazu, dass sich Mitglieder stark mit dem Unternehmen identifizieren und die Firma als eine Erweiterung ihrer Selbst sehen – durch das Familienunternehmen können Gefühle der Zugehörigkeit, Selbstwirksamkeit und Selbstidentität bezogen werden. Dabei stellen materielle und immaterielle Besitztümer Symbole dar, durch die sich Individuen identifizieren. Durch diese Entwicklung von psychologischem Eigentum und Eigenverantwortung entsteht ein wichtiges Zugehörigkeitsgefühl zum Familienunternehmen und führt zu vielen positiven Emotionen wie Freude, Stolz, Loyalität und Gefühlen der Verantwortlichkeit und Wirksamkeit. Die Ziele des Familienunternehmens und was mit ihnen geschieht hängt maßgeblich mit der eigenen Identität zusammen.

Wenn sich Familienmitglieder dazu entscheiden das Familienunternehmen zu verlassen, müssen sie nicht nur den Verlust des Unternehmens überwinden, sondern sich auch eine neue Identität schaffen. Solche Ereignisse können zu vermindertem Selbstwertgefühl führen und Gefühle von Verlust auslösen. 

Psychologische Verträge

Neben formellen Verträgen werden in einem Familienunternehmen auch sogenannte psychologischen Verträge abgeschlossen, diese bestehen aus zugrundeliegenden Annahmen, dass zusätzlich zum Arbeitsvertrag noch bestimmte Erwartungen zu erfüllen sind. Inhalte und Erwartungen können jedoch zwischen einzelnen Personen oder Parteien unterschiedlich sein. Wenn die gegenseitigen Erwartungen des psychologischen Vertrags nicht erfüllt werden, liegt eine Verletzung oder ein Verstoß des Vertrags vor, was zu Frustration, Wut und Enttäuschung führen kann. Außerdem kann die psychologische Wahrnehmung eines Verstoßes auch zu Misstrauen, Skepsis, Zynismus und Feindseligkeit gegenüber einer Person oder gar dem Familienunternehmen führen. 

Bei Familienmitgliedern können psychologische Verträge schon von klein auf durch die Erziehung entwickelt werden aber auch durch explizite Trainings. 

Die drei Bausteine – hybride Identitäten, psychologisches Eigentum und psychologische Identitäten – hängen alle zusammen und können gemeinsam zu emotional messiness in Familienunternehmen führen. Dabei darf nicht außer Acht gelassen werden, dass emotional messiness negative sowie auch positive Folgen haben kann. Ein letzter Baustein, der einen wichtigen Einfluss auf die Entwicklung von emotional messiness hat, ist die emotionale Intelligenz (EI). 

Emotionale Intelligenz

Unter emotionaler Intelligenz versteht man die Fähigkeit, Emotionen wahrnehmen, identifizieren, verstehen, verwalten und mit ihnen umgehen zu können. Personen besitzen unterschiedliche emotionale Intelligenz. Durch das unterschiedliche Niveau von emotionaler Intelligenz bei Familienmitgliedern können emotionale Ausbrüche entstehen, die negative Folgen haben können. 

Emotional messiness beschränkt sich nicht allein auf die individuelle Ebene, sondern entsteht auch auf familiärer und organisatorischer Ebene. Emotionen sind ebenso wichtig für die Gruppen- und Organisationsebene wie für die individuelle Ebene in Familienunternehmen, um emotionale Sozialisation, Vertrauen und Gruppenzusammenhalt zu schaffen. Eine geringere emotionale Intelligenz trägt dabei auch auf Gruppen- und Organisationsebene zu negativen Folgen bei emotional messiness bei. 

Brundin, E., & Sharma, P. (2011). Love, Hate, and Desire: The Role of Emotional Messiness in the Business Family. In A. L. Carsrud, & M. Brännback, Understanding Family Businesses (S. 55-71). New York: Springer-Verlag New York.

Das Anfangs genannte Praxisbeispiel zeigt emotional messiness auf der zwischenmenschlichen Ebene. Der Vater hat einen psychologischen Vertrag gebrochen und damit seine Tochter emotional verletzt. Die Situation führte zu einem Vertrauensbruch zwischen ihr und ihrem Vater und auch zwischen ihr und ihrem Ehemann. Ob ein Kompromiss gefunden werden kann, hängt von ihrem Verpflichtungsgefühl gegenüber dem Unternehmen ab – es ist jedoch unvermeidbar, dass ihre Erfahrungen negative Auswirkungen auf ihr affektives Engagement haben werden, das die Firma wahrscheinlich dringend gebraucht hätte. 

Nochmal kurz zusammengefasst:

  1. Emotional messiness wird durch einen emotional aufgeladenen Vorfall oder Problem ausgelöst.
  2. Durch die Kombination der drei Bausteine hybrider Identitäten, psychologisches Eigentum und psychologische Verträge werden widersprüchliche Emotionen ausgelöst.
  3. Je nachdem wer (Geschwister, Angeheiratete, Gründer etc.) beteiligt ist und wie viel die betroffene Person in das Familienunternehmen investiert hat, unterscheidet sich auch die Intensität der emotionalen Beteiligung.
  4. Die positiven oder negativen Auswirkungen auf die Nachfolge, das Engagement und die Familienorientierung hängen von der emotionalen Intelligenz der Beteiligten ab.

Was könnt ihr als Next Gen daraus lernen?

  1. Emotionen und emotionale Ereignisse sind Teil eines jeden Familienunternehmens und spielen eine genauso wichtige Rolle wie unternehmerische Aspekte.
  2. Emotional messiness kann auch positive Auswirkungen auf das Unternehmen, die Organisation und Familienmitglieder haben.
  3. Es ist hilfreich Familienmitglieder darin zu schulen, ihre Emotionen im Alltag wahrzunehmen, zu identifizieren, zu verstehen und zu verwalten, um damit auch ihre emotionale Intelligenz zu stärken und negative Auswirkungen durch emotional messiness zu vermeiden.
Geschrieben von Viviane Rückner, Autorin bei Haus Next Insights

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