Haus Next

Im Gespräch mit Stephanie Lindner

Wir sprechen mit Next Gens aus Unternehmerfamilien über die eigene Rolle und Tipps für die Rollenfindung.

Stephanie Lindner ist Nachfolgerin im Familienunternehmen und Mitglied des Verwaltungsrats der Lindner Group. Zur Unternehmensgruppe gehören über 80 Unternehmen aus den Bereichen Bau- und Immobilienwirtschaft, Hotellerie und Gastronomie, Brauereiwesen und Landwirtschaft.

Wir haben Stephanie Lindner einige Fragen über die persönliche Rollenfindung im Familienunternehmen gestellt, erfahren welche Tipps sie an andere Next Gens weitergeben möchte und wie eine Nachfolge bei vier Geschwistern erfolgreich gelingt.

Beschreiben Sie bitte kurz Ihren Weg ins Familienunternehmen und Ihre aktuelle Position. 

Nach meinem BWL Studium habe ich erst einmal für ca. vier Jahre in einem fremden Bauunternehmen gearbeitet, zuerst als Trainee, dann im Controlling. 2003 beschloss unser Unternehmen den russischen Markt für unsere Innenausbauprodukte zu erschließen. Mein Vater fragte mich, ob ich Interesse daran hätte, den Markt aufzubauen. Russland war für mich ein vollständig unbekanntes Land, und so flog ich mit meiner Schwester für ein Wochenende nach Moskau, um einen Eindruck zu gewinnen. Nach diesem Wochenende stand für mich fest, dass ich diese neue Herausforderung annehme und ins Familienunternehmen wechsle.

Ich habe dann gut zwei Jahre gemeinsam mit einem Kollegen den russischen Markt aufgebaut. In der Arbeit lernte ich meinen zukünftigen Mann kennen, welcher im Unternehmen für den US-Markt zuständig war, und so zog ich zu ihm nach Amerika und arbeitete in unserer amerikanischen Tochterfirma. 2006 stieg unser Unternehmen in den Fassadenmarkt ein und ich übernahm 2007 zusammen mit einem Kollegen die Geschäftsführung unserer neuen deutschen Fassadenfirma. 
Mein Mann, den ich 2007 heiratete, pendelte weiterhin zwischen Deutschland und USA. 

Nach der Geburt unseres dritten Kindes in 2013 entschied ich mich, aus der Geschäftsführung rauszugehen, um mehr Zeit für die Kinder zu haben. Seitdem arbeite ich halbtags im Bereich Organisationsentwicklung. Zusätzlich bin ich von Seiten der Familie gemeinsam mit meiner Schwester Elisabeth und zwei weiteren Kollegen für unsere gemeinnützige Hans Lindner Stiftung zuständig.

Wie haben Sie das Familienunternehmen in Ihrer Kindheit wahrgenommen und welche prägenden Elemente gab es in Ihrem Werdegang?

Unser Vater – ich habe drei Schwestern – hat viel gearbeitet und das Unternehmen war immer ein wichtiger Bestandteil in unserer Familie. Da er aber immer positiv darüber gesprochen hat, wurde es von uns Kindern auch so aufgenommen. Am Samstagvormittag sind wir immer mit ihm in den Betrieb mitgegangen und während er gearbeitet hat, sind wir in der Produktion zwischen den Hallen rumgelaufen. In den Ferien haben wir bereits mit 12/13 Jahren „mitgearbeitet“, anfänglich z.B. im Kopierzentrum, später in der Schreinerei, der Schlosserei oder auf Baustellen. So haben wir gesehen was alles dahinter steckt, und es hat uns Spaß gemacht. 

Wann hat sich die Entscheidung gefestigt, die Nachfolge im Familienunternehmen anzutreten? 

Die „Nachfolge“ im Unternehmen haben wir vier Schwestern mit unseren Männern gemeinsam angetreten. Der Betrieb ist in den über 55 Jahren seines Bestehens so sehr gewachsen, dass er nicht mehr von einer Person alleine geführt werden kann. Wir haben im Betrieb inzwischen eine breite Führungsmannschaft, welche sich aus Familienmitgliedern und familienfremden langjährigen Mitarbeitern zusammensetzt. Jeder aus der Familie hat eine andere Verantwortung übernommen. Meine Schwester Veronika (die Zweitälteste) ist die Vorsitzende des Verwaltungsrates und hält somit alles zusammen. 

Hatten Sie auch überlegt, einen anderen Weg abseits der Nachfolge anzutreten? 

Für mich selbst war es immer klar, dass ich nach den ersten externen Berufsjahren und Erfahrungen eines Tages im eigenen Unternehmen arbeiten möchte. Unser Vater hat uns jedoch nie gedrängt in das Unternehmen zu gehen. Für ihn war es wichtig, dass wir glücklich mit unserem Beruf werden. So hat zum Beispiel meine jüngste Schwester Johanna Hotelmanagement studiert, eine Branche, die uns damals komplett fremd war. Nach ihren ersten Berufsjahren extern war der Betrieb inzwischen so groß geworden und wir hatten viele externe Kunden zu Besuch, jedoch gab es in Arnstorf keine adäquaten Übernachtungsmöglichkeiten. Daher entstand die Idee, dass meine Schwester und ihr Mann, den sie im Studium kennengelernt hatte, ein Hotel mit angegliederter Gastwirtschaft in Arnstorf eröffnen. Mein Vater hat sie darin unterstützt ihren Wunsch umzusetzen. Aus dem Schlossparkhotel und dem Schlossbräu in Mariakirchen ist inzwischen die Hotelkette mk | hotels mit zwölf Hotels und vier Hausbrauereien entstanden (www.mkhotels.de). 

Was nehmen Sie als größte Herausforderung im Nachfolgeprozess und der Rollenfindung wahr?

Die größte Herausforderung wird sicherlich sein, dass wir in der zweiten Generation die Köpfe beieinander haben, eigene Interessen zurückstecken und nur das Beste für das Unternehmen wollen. Denn dann können wir so ziemlich jede Krise meistern. Viele Unternehmen zerbrechen leider daran, dass die Erben streiten. 

Welche Vision schwebt Ihnen für das Familienunternehmen und die weitere Nachfolge vor? Haben Sie konkrete Ziele? 

Ich würde mich freuen, wenn wir auch in die nächsten Generationen hinein ein Familienunternehmen bleiben. Und damit meine ich nicht nur, ein Unternehmen, welches als Eigentümer eine Familie hat, sondern auch, dass sich Familienmitglieder aktiv engagieren. Dennoch denke ich, dass jedes Familienmitglied, bevor es im Unternehmen zu arbeiten beginnt oder sogar eine Führungsrolle übernimmt, sich erst einmal die „Sporen extern verdienen“ soll. Also erste Erfahrungen extern sammeln und sich dort auf neutralem Boden einen sicheren Stand verschaffen. Es ist nicht nur für das Selbstvertrauen gut, wenn man als gestandener Mann oder Frau, statt als Sprössling des Chefs einsteigt. 

Wie haben Sie den Prozess Ihrer eigenen Rollenfindung wahrgenommen und welchen Fragestellungen sind Sie selbst begegnet?

Für mich war es ein Prozess, mich davon zu lösen, dass ich als älteste Tochter die Rolle meines Vaters im Unternehmen übernehmen muss. „Muss“ nicht nur in dem Sinne, dass die Gesellschaft es von mir erwartet, sondern dass ich es von mir selbst erwartet habe. Ich musste mir erst selbst darüber klar werden, dass ich gar nicht ganz vorne stehen will und auch – oder vor allem – in der zweiten Ebene glücklich sein kann. Es ist gut, dass sich meine Schwester Veronika, als Verwaltungsratsvorsitzende so engagiert und es auch gerne macht. 

Wenn Sie zukünftigen Next Gens eine Weisheit für Ihre eigene Rollenfindung mitgeben könnten, welche wäre das?

Tue das, was du wirklich aus ganzem Herzen gerne tust und aus voller Überzeugung machst. Denn nur das, was du aus ganzem Herzen und aus voller Überzeug machst, wird gut.
Nimm deine persönlichen Interessen nicht zu wichtig, sondern stelle das in den Vordergrund was das Beste für das Unternehmen ist. Erst das Unternehmen, dann die Familie, dann jeder einzelne.

Geschrieben von Robert Schacherbauer, Autor bei Haus Next Insights

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