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Geschwister in der Unternehmerfamilie

Willkommen bei Next Gen Unplugged! Unser Format, das deine Wünsche, deine Sorgen und deine Fragen zu deiner Rolle in der Unternehmerfamilie behandelt.

Vor einiger Zeit hat unsere Autorin Maya einen Artikel zum Thema “Die Buddenbrooks” veröffentlicht und damit den berühmten Roman von Thomas Mann über den Aufstieg und Fall einer Unternehmerfamilie zitiert. Ein Aspekt ist in dieser Geschichte besonders interessant: die Dynamik zwischen den Geschwistern. 

„Ich bin geworden wie ich bin, weil ich nicht werden wollte wie Du …“, so erklärt Thomas Buddenbrook seine persönliche Entwicklung in Abgrenzung zu seinem Bruder Christian. Distanzierter kann das Verhältnis wohl kaum sein. Dennoch gibt es mittlerweile genügend Beispiele von Geschwistern, die die Nachfolge als Einheit antreten. Ein Beispiel dafür ist das bayerische Familienunternehmen Lindner Group, bei dem alle vier Töchter des Gründers Hans Lindner in operative Funktionen des globalen Bauunternehmens eingestiegen sind. Auch Modelle einer Doppelspitze werden immer beliebter und es entwickeln sich neue Möglichkeiten für die Umsetzung und Implementierung einer Nachfolgestrategie. In diesem Beitrag möchten wir auf die grundsätzlichen Herausforderungen der Nachfolgefrage unter Geschwistern eingehen und Denkanstöße mit auf den Weg geben, wie ihr euch dem von Einzelfall zu Einzelfall unterschiedlich herausforderndem Prozess nähern könnt.

Grundsätzlich ist die Konstellation von mehreren Geschwistern, die sich für eine Nachfolge im Familienunternehmern interessieren, selten konfliktfrei und viele scheitern daran, denn zunächst muss es erstmal “Platz” für alle Geschwister geben bzw. es muss eine Aufgabe und Rolle geschaffen werden. Nichtsdestotrotz kann die Geschwister-Konstellation in der Praxis auch eine langfristig erfolgreiche Nachfolgeoptionen für das Familienunternehmen sein. Besonders die Dynamik zwischen den Geschwistern kommt dabei stark zum Tragen und bietet Potential für Langfristigkeit ebenso wie aufkommende Konflikte. Die Lösung dieser Situation bestimmt über Stabilität, Entwicklung und Fortbestehen – final über die Zukunftsfähigkeit der Unternehmerfamilie – da diese Dynamiken sich oft über Generationen hinweg tragen.

Geschwister in einer Unternehmerfamilie

Zwei von drei Kindern wachsen in Deutschland mit Geschwistern auf; in Unternehmerfamilien gibt es traditionell überdurchschnittlich viele Kinder. Es ist eine der fundamentalsten menschlichen Beziehungen, die uns durch unser Leben begleiten; geprägt von Höhen wie Tiefen. Was in unserer letzten Haus Night mit Clemens Sommerfeld besonders zum Tragen kam ist die Bedeutung, Familie und Unternehmen voneinander trennen zu können. Damit geht natürlich einher, dass die einzelnen Geschwister unterschiedliche Rollen in verschiedenen Umgebungen einnehmen. In diesem Artikel widmen wir uns vor allem der speziellen Beziehung zwischen den Geschwistern einer Unternehmerfamilie. In weiteren Artikeln möchten wir dann genauer darauf eingehen, welche Konstellationen daraus entstehen können: Sollten alle Geschwister die Nachfolge im Familienunternehmen antreten können? Wie gehe ich mit Geschwistern um, die keine operative Rolle einnehmen wollen? Wie gehe ich bei der Entscheidungsfindung vor, wer welche Rolle übernimmt? Um all diese Fragen, die euch sicherlich beschäftigen, kümmern wir uns in einem zweiten Schritt.

Zurück zum Fundament einer Nachfolgestrategie, die mehrere Geschwister umfasst: die dynamische Beziehung unter ihnen. Geschwister nehmen eine Vielzahl von Rollen füreinander ein: Sie können engste Vertraute und Verbündete, Vorbilder und Lehrer, Beschützer oder Opfer, loyale Mitstreiter oder Rivalen sein. Die Dynamik zwischen Ihnen ist dabei keineswegs statisch und sie passt sich von Situation zu Situation an.

Gleichbehandlung und Rivalität

Ein Faktor, der in verschiedensten Forschungsprojekten identifiziert wurde ist Gleichbehandlung und Rivalität. Die Ausprägung dessen wird nicht nur von persönlichen Merkmalen der Geschwister, sondern auch von in der Unternehmerfamilie vermittelten Werten und individuellen Beziehungen der Eltern beeinflusst. Je tiefer das Verlangen nach Gerechtigkeit verankert ist, desto öfter entstehen Neid und Rivalität. Besonders in der omnipräsenten Frage der Nachfolge kann dies zu erheblichen Kommunikationsproblemen führen, was enorme Aufmerksamkeit erfordert. Dies soll nicht heißen, dass Kinder nicht mit ungleicher Behandlung umgehen können, sie müssen diese nur als fair akzeptieren. Wie bereits oft vorgekommen, stellen wir fest, dass Kommunikation innerhalb der Familie das A und O ist: wer Entscheidungen kommuniziert und die Beweggründe erklärt, kann eine Lösung bewirken, die wirklich alle zufrieden stimmen kann. Einheitliche formale Regeln wie eine Familiencharta oder langfristige objektive Ziele können dazu beitragen, als ungleich wahrgenommene Entscheidungen zu legitimieren. Nur wenn Geschwister eine Entscheidung als subjektiv wahrnehmen, belastet dies die Beziehung unter den Geschwistern und in der gesamten Familie.

Grundsätzlich ist es normal, sich unter Geschwistern zu vergleichen und zu messen: der andere Part definiert den Maßstab. Dieser “Wettbewerb” wird besonders im Falle der Unternehmerfamilie Grupp deutlich: Geschäftsführer von Trigema, Wolfgang Grupp, möchte nur einem der beiden Kinder, Wolfgang Grupp jun. und Bonita Grupp, die Leitung des Familienunternehmens anvertrauen, obwohl beide operativ im Unternehmen tätig sind. Von Kindesbeinen an werden in einem spielerischen Wettbewerb das eigene Selbstbewusstsein geschärft und die eigenen Stärken und Schwachen fortentwickelt. Größere Unterschiede in Talent und Erfolg – besonders im Unternehmenskontext – können langfristig zu Neid und Rivalität führen. Auch als ungerecht empfundene Behandlung durch die Eltern resultiert darin. Genau diese Entwicklung kann zerstörerisch wirken und die Zukunftsfähigkeit der Unternehmerfamilie gefährden. Emotionale Sicherheit und wahrgenommene Gleichheit sind das Fundament einer erfolgreichen langfristigen Geschwisterbeziehung.

Geschwisterkonstellationen

Üblicherweise werden den einzelnen Kindern stereotypische Charakterzüge in Abhängigkeit ihres Geschlechts und der Position zugeschrieben. Der oder die Erstgeborene wird üblicherweise als vernünftig und verantwortungsvoll beschrieben. In Unternehmerfamilie liegt auf dessen Schultern oft die Last und Erwartung, das Familienerbe fortzuführen. Implizite Erwartungen hinsichtlich Vorbildfunktion und Verantwortung gegenüber jüngeren Geschwistern prägen die Beziehung. Hier beginnt die Problematik von nicht ausgesprochenen, aber als erwartet wahrgenommenen Rollenbildern. Hier beginnt auch der Punkt, wo Kommunikation seine Bedeutung entfaltet. In vielen Fällen nehmen Kinder es so wahr, dass ihre Eltern besondere Erwartungen hinsichtlich der Nachfolge im Familienunternehmen hegen. In genauso vielen Fällen wird das von den Eltern allerdings so nicht bestätigt. Deshalb sollte man genau über solche empfundenen Erwartungshaltungen diskutieren und die eigenen Rollenbilder artikulieren. 

Jüngere Geschwister  haben hingegen höhere Freiheitsgrade und nehmen als “Nesthäkchen” eine geschützte Sonderrolle ein – so zumindest die Erkenntnisse vieler Studien. Die mittleren Geschwister nehmen in der idealisierten Vorstellung die Position des Vermittlers ein und schaffen die emotionale Balance innerhalb der Familie. Selbstverständlich sind solche generalisierten Ausprägungen der Rollen modellhaft und müssen so nicht auf die Realität zutreffen. Dennoch können sich viele mit den geschilderten Rollen oder zumindest mit Teilen davon selbst identifizieren. Die konkrete Ausgestaltung der Rollen ist von Unternehmerfamilie zu Unternehmerfamilie unterschiedlich, auch wenn die Forschung identifiziert hat, dass besonders in konservativen Wertesystemen und Rollenverständnissen die Charakterausprägungen mit Blick auf die Rolle der oder des Erstgeborenen tatsächlich gefördert werden.

Was heißt das für dich als Next Gen?

Sicherlich konntest du dich mit dem ein oder anderen Punkt in diesem Artikel identifizieren und das ist ein guter Anhaltspunkt, um deine eigenen Beziehungen unter deinen Geschwistern oder innerhalb der Familie zu reflektieren. Sie dienen als Angriffsfläche, um Erwartungen zu identifizieren, die du glaubst, dass sie an dich gestellt werden. Nimm diese Überlegung als Chance, um genau dieses Thema explizit in deiner Familie anzusprechen. Nur offene und ehrliche Kommunikation kann dir helfen, Missverständnisse zu vermeiden und negative Entwicklungen zu verhindern. Und wie Clemens Sommerfeld in unserer letzten Haus Night so schön gesagt hat: “In der Familie werden mehr Dinge verziehen als man denkt.” Nimm diesen Artikel als Anlass, deine eigenen Beziehungen zu überdenken, deine Erwartungen und Rollenverständnisse zu hinterfragen und sie innerhalb deiner Familie offen zu hinterfragen.

In der nächsten Ausgabe des Artikels widmen wir uns dann der Frage, wie sich die Konstellation und Dynamik der Geschwister in der Frage der familieninternen Unternehmensnachfolge auswirkt. Sei gespannt!

Geschrieben von Robert Schacherbauer, Autor bei Haus Next Insights

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